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01.Jul.2008 - 15:34, Kategorien: Natur | Gosau | Wandern
Tags: steinbock naturschutz gosaukamm
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Gehörnt, gejagt, gerettet.

Was hat zwei richtig große Dinger, hüpft völlig ohne alles durch die hochalpine Gegend und ist sehr kontaktfreudig?

Richtig, der Steinbock.

Der Inbegriff der hochalpinen Tierwelt. Er hält sich auf Fels-Simsen, die in Wahrheit ja gar nicht da sind, springt meterhohe Stufen aufwärts wie nix und meistert im Grunde unüberwindbare Kamine, indem er sich scheinbar gegen alle Gesetze der Schwerkraft von Wand zu Wand stößt. Und das alles, obwohl man sich schon wundert, dass er mit DEN Hörnern überhaupt den Schädel in die Höh kriegt. Ideale Kletterschuhe, ein perfekter Körperbau und der gewisse Blick für Distanzen und Landeplätze machen’s möglich. Die Steinböcke sind perfekt an das Leben oberhalb der Baumgrenze angepasst. Wo sie übrigens auch ziemlich stur bleiben. Heißt: unter 1.600 Metern braucht man sich wirklich keine Hoffnungen drauf zu machen, einen Steinbock zu treffen.



Der Steinbock zählt zu den absoluten Überlebenskünstlern, der Mensch hätt ihn trotzdem fast erledigt. Früher, also in der Grauzeit vor allgemeinbildenden Serien wie Emergency Room und Grey’s Anatomy, ließen sich die Leut nämlich mit Freude unheimlich viel medizinischen Blödsinn einreden. Den Steinbock hat’s besonders blöd erwischt, der galt ja praktisch als wandelnde Apotheke. Anfang des 17. Jahrhunderts hatte dieser Aberglaube dann seinen Höhepunkt. Jedes Fitzelchen vom lieben Bock hatte irgendeine Wunderwirkung. Der Kot zum Beispiel sollte gegen Ischias helfen, lecker Blut gegen Blasensteine. Auch sehr g’schmackig: Die Bezoarkugeln, die Bälle aus Haaren und unverdaulichen Pflanzenfasern, die sich im Magen der Steinböcke bilden, halfen angeblich gegen Krebs.

Fast das Ende der Geschichte: Im 17. Jahrhundert war der Steinbock in Österreich und auch fast sonst überall in den Alpen vollständig ausgerottet. Überlebt haben grade mal 100 Tiere im italienischen Gran Paradiso-Massiv. Die Italiener passten lobenswerterweise auf diese letzten Überlebenden auf wie die Haftlmacher und retteten so die ganze Art. Von dieser Kämpfer-Partie stammen alle jetzt in unseren Bergen lebenden Steinböcke ab. Was natürlich nicht so super ist bezüglich der genetischen Vielfalt und so. Aber immerhin: Sie leben noch!

Langsam und auf nicht immer ganz legalen Wegen (wie gesagt, die Italiener schauten sehr auf ihre Böcke), wurden die Steinböcke auch wieder außerhalb des Gran Paradiso angesiedelt. Allerstrengstes Jagdverbot mit Strafen bis zur Kategorie „Lebenslanger Galeeren-Urlaub“ und verbissene Zucht-Programme machten es dann möglich, dass heute auch wieder größere Steinbock-Gruppen durch die österreichischen Alpen ziehen.



Und das ist gut so. Einen Steinbock zu sehen, dass ist ja wohl ein Highlight jeder Bergwanderung. Und so eine Begegnung liegt durchaus im Bereich des Möglichen, wenn man weiß, wo man hingeht. Ein guter Platz für den Steinbock-Kontakt ist zum Beispiel der Gosaukamm am Rand des Inneren Salzkammerguts, am schönsten zu erleben bei der Gosaukamm-Runde. Diese nicht übermenschlich schwere Tour, für die man sich am besten 2 Tage Zeit nimmt, hat nicht nur ein Traumpanorama auf Dachstein und Bischofsmütze parat, sondern bietet eben auch die Chance auf unvergessliche Begegnungen mit hochalpinen Konsorten wie Murmeltier, Gams und dem Steinbock. Jetzt gerade ist eine solche Tour überhaupt zu empfehlen. Nicht nur, dass jetzt der Almrausch überwältigende Farbakzente setzt, Anfang Juni sind auch die Steinbock-Jungen auf die Welt gekommen. Das heißt, man hat zur Zeit gute Chancen auch eins von den wuscheligen Wollknäueln mit den Mini-Hörndln zu sehen.



Andere gute Chancen auf ein bisschen Steinbock hat man natürlich in Tirol, in den Hohen Tauern und auch in der Steiermark auf dem Röthelstein.

Steinböcke sind übrigens besonders gesellige Kameraden. Manchmal muss man sich da schon fragen, ob sie nicht ihre Hörner ein bisserl zu fest angeschraubt, dass sie sich derart stur trotz Beinahe-Eliminierung immer noch nicht vom Menschen fernhalten wollen. Das man aber einfach niemals, wirklich NIEMALS den Menschen blindlings vertrauen sollte, erkennt man an Aussagen wie zum Beispiel auf http://www.jagd-offenthaler.com: „Das Steinwild wurde im 17./18. Jahrhundert in Österreich beinahe ausgerottet. Heute erzielen wir aber beim Alpensteinbock wieder hervorragende Trophäen mit Aufsatzlängen bis zu 1,10 m.“



Die beeindruckenden Viecher sind jedenfalls weiterhin unbekümmert, ausgesprochen kontaktfreudig und immer offen für neue Bekanntschaften. Gerade die älteren, mächtigen Böcke scheißen sich relativ wenig und machen’s sich ganz gern mal mitten auf den Wandersteigen fürs Mittagsschlaferl gemütlich. Aber keine Sorge, eine Steinbockbarriere ist kein Grund, eine Wanderung abzubrechen. Die Tiere sind ziemlich friedfertig. Sogar untereinander schlagen sie sich nicht besonders gern die Schädeln mit ihren gewaltigen Hörnern ein. Das kommt übrigens vom Dilemma der Steinböcke: Die Brunftzeit der Steinböcke fällt nämlich sinnigerweise grad in die saukälteste Zeit, wo die Böcke logischerweise null Bock auf aufwändige Kämpfe haben. Die Rangkämpfe gleichen deshalb mehr einem ritualisierten Zeitlupen-Walzer mit Hornkontakt. Hier geht’s eigentlich nur darum, noch einmal alles klarzustellen, was man sich schon im Sommer und Herbst davor ausgemacht hat. Per Horn-Schlag quasi. Das Ganze passiert fast in Zeitlupe, damit das Ganze nicht zu anstrengend wird und sich auch ja keiner wehtut. Und wer die größten Hörner hat, gewinnt.

Einen Steinbock zu beobachten macht aber natürlich auch außerhalb der Brunftzeit durchaus Sinn. Denn der Steinbock ist auch ein Naturschauspiel, wenn er nicht gerade tanzt. Und mit jedem Mal, wo wir einen dieser majestätischen Berg-Bewohner sehen, sollte uns bewusst werden, wie haarscharf wir am Verlust eines Stücks unserer Kultur vorbeigeschrammt sind. Darüber können wir uns freuen. Und gleichzeitig daran denken, wie viele andere Arten durch ähnliche Blödheiten wie den Aberglauben an seltsame Heilkräfte ganz kurz davor stehen, für immer aus unserer Welt zu verschwinden.

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